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Tabufrei  – unser Gesundheitswesen radikal neu denken

Tabufrei Zone – Unser Gesundheitswesen radikal neu denken

Beitrag von Bettina Jung

Kategorie: Blog, Aktuelles, WOL

Dieses Buch überrascht: Es ist möglich, ein bestehendes System – angefangen bei Forschung und Lehre, über Führung, Zusammenarbeit und Hierarchien, alle Berufsgruppen bis hin zu den Kostenträgerinnen – völlig neu zu denken, keinen Stein auf dem anderen zu lassen, ohne mit Vorwürfen und Anklagen zu hantieren.

Gute Ideen gibt es viele, starke Zukunfstbilder weniger, Umsetzungen sind gefühlt noch rarer. Und vielleicht stimmt letzteres nicht. Offensichtlich gibt es sie. Diejenigen, die unerschrocken handeln. Zwei Bücher sind in diesem Jahr erschienen, die hierfür Beispiele liefern. Starten wir mir

Starker, Thies, Frommelt: New Work in der Medizin, 2022

Dieses Buch fasst in klare, verständliche Sätze, WAS im Gesundheitswesen grundsätzlich anders werden muss und vor allem WIE dieser Richtungswechsel möglich werden kann.

„Unser Gesundheitswesen braucht ein starkes, attraktives Zukunftsbild“

— Vera Starker

Vera Starker als Wirtschaftspsychologin und Juristin, David-Ruben Thies als Krankenpfleger und Ökonom, Mona Frommelt als Medizinerin bringen echte Perspektivenvielfalt ein. So gelingt es dem Trio, jedes Zimmer, jedes Gebäude, ja das System Gesundheitswesen komplett neu zu denken. Mit enormer Systemkenntnis, unglaublicher Rechercheintesität und geleitet von gesundem Menschenverstand entsteht ein Bild voller Möglichkeiten.

Zum Inhalt:

  1. Prägung des Gesundheitswesens

Es geht im Gesundheitswesen Stand heute nicht um „gesund“ sondern alles dreht sich um „krank“. Ein elementarer Systemfehler. Die Analogie zu unserem Rechtssystem macht es so wunderbar deutlich: Können wir uns vorstellen, dass sich unser Rechtswesen am Unrecht orientiert? Im Gesundheitswesen tun wir genau das.

Die Analyse der Hierarchien im System wirft einen Scheinwerfer auf (1) Bürokratie und Profitorientierung, auf die (2) verschiedenen Berufsgruppen und auf (3) tradiertes Führungsverhalten. Diese Dreigliederung erschwert Interaktion ebenso wie patientenzentrierte Kooperation der im Gesundheitswesen Tätigen. Dabei ist die eigentliche Aufgabe von Hierarchie, die Interaktion und Kommunikation zu erleichtern. Die entwickelte Modellbildung zu den drei Hierarchien trägt zum Verständnis des Problems bei und lässt Lösungen aufscheinen.  

  1. Der Patient

Dieses Kapitel wird durch das das Zitat von Dr. Eckard von Hirschhausen auf den Punkt gebracht: „Die Kunst in der Medizin besteht aber darin, so wenig zu tun wie möglich.“ Ich möchte ergänzen der medizinischen wie auch der pflegerischen Versorgung. Das pflegerische Buurtsorg-Konzept macht es vor.

  1. Utopie und New Work-Modell:

Das Gesundheitswesen der Zukunft wird modelliert auf der Grundlage folgender von den Autor:innen entwickelten sieben New Work Prinzipien für die Medizin (abgeleitet von den fünf humanfy-New Work-Prinzipien):

1 – Selbstverantwortung
2 – Kooperation der Professionen
3 – Partizipative Hierarchie und hybride Führung
4 – Sinn
5 – Fokussiertes Arbeiten
6 – Entwicklung
7 – Soziale Verantwortung.

Das Buzzword New Work wird greifbar, konkrete Strategien und Handungsoptionen lassen ein reales Bild von einer Zukunft entstehen, die sich wirklich, wirklich unterscheidet von dem was ist. Prototypische Ansatzpunkte für jedes dieser Prinzip weisen den Weg in die Realisierung der Utopie.

  1. Realisierung:

Mit der Entwicklung des Vier Sterne Plus ****-Hotels in den Eisenberg zeigen die Autor:innen ein ganz konkretes Projekt, in dem ein Stück Utopie in Realität gewandelt wurde. Dort, im Europäischen Orthopädiezentrum Waldkliniken Eisenberg, ist die Behandlung eingebunden in ein Wohlfühlkonzept für alle Patient:innen. Auch und gerade für den und die gesetzlich Versicherte!
Der Patient:Pflege Schlüssel beträgt dort inzwischen 7:1 (bundesweiter Durchschnit 14:1). (David-Ruben Thies im Meetup von #NWGW im Juli 2022)

In Gastbeiträgen finden die Leser:innen weitere Praxis-Perspektiven auf Möglichkeiten und Gelingen illustriert:

Personal- und Organisationsentwicklung einschließlich struktuveränderdem Tarifvertrag der Charite (Carla Eysel).

Startups als Vorbild (Katharina Lutermann).

DesignThinking-Methoden als wertvolles Tool für Veränderung (Susanne Nitzsche).

Organisationsentwicklerische Spielräume (Julia von Grundherr).

Working Out Loud als Methode, die Selbstorganisation und gute Arbeitsbeziehungen stärkt (Constanze Zeller und Bettina Jung).   

Bemerkenswert

Den Komplexitätsgrad des Themas mit einer großen Klarheit und Verständlichkeit veranschaulicht zu vorzufinden.

  • Mit den Prototypischen Ansatzpunkten im New-Work-Modell können die Gesundheitssystem-Macher:innen und Macher direkt die Umsetzung denken. Think big, start small.

  • Überraschend für mich ist: Es ist möglich, ein komplettes System – von Forschung und Lehre, über Führung, Zusammenarbeit und Hierarchien, alle Berufsgruppen und Kostenträgerinnen – neu zu denken, keinen Stein auf dem anderen zu lassen, ohne mit Vorwürfen und Anklagen zu hantieren.

  • Auf individueller Ebene können wir alle sofort Veränderung auf den Weg bringen. Es ist eine Frage des Menschenbilds, ob wir mit unseren Worten Möglichkeiten öffnen oder verhindern. (Experiment zu Priming von John A. Bargh, S. 108).

Die Leseempfehlung – must read!

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